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#94: Christa Wolf – Kassandra

Wenn sogar unsere Mythologie-Nerds an ihre Grenzen kommen, muss Troja ganz schön in Not sein:

Christa Wolfs »Kassandra« von 1983 erzählt die Geschichte des Trojanischen Krieges aus der Perspektive der Seherin, der niemand glaubte. Positiv ausgedrückt ist Wolfs Erzählung das Paradebeispiel eines nahbaren Bewusstseinsstroms (»Stream of Consciousness«) voller eindrücklicher Bilder, verstörender Gewissheit, allgegenwärtiger Bedrohung und einer (weiblichen!) Sicht von unendlichen Zusammenhängen. Negativ ausgedrückt lesen wir 160 Seiten mythologisches Name-Dropping ohne jeglichen roten Faden, Kohärenz, zeitliche Orientierung, Erklärungen oder auch nur einen einzigen zu Ende geführten Handlungsstrang.

Also Geschmackssache?

Kommt mit, wenn wir mit euch Troja aufräumen und mit Kassandra, Aeneas, Odysseus, Achilles (DAS VIEH!) und Iphigenies Papa zum Ida-Berg pilgern. Legt das Mythologie-Lexikon parat!

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Der in der Folge erwähnte wissenschaftliche Aufsatz von Rolf von den Hoff über die Darstellung des Achill in griechischen Originalquellen im Vergleich zu dessen Darstellung als »das Vieh« bei Christa Wolf auf dem Server der Uni Heidelberg:

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2 Antworten auf „#94: Christa Wolf – Kassandra“

Ehrlich gesagt finde ich, es ist ein Armutszeugnis, als Deutschlehrer*in an fehlender Mythologie-Kenntnis zu scheitern. Dass Christa Wolf die Überlieferung noch einmal zu ihren eigenen Zwecken umdeutet („Achill das Vieh“), ist unbestritten. Das Wie und Warum dahinter kann aber nur informiert interpretieren, wer das Original kennt.
Dass Schüler*innen die Ilias, die Odysee und die Aeneis nicht unbedingt kennen, ist eine andere Sache, und es ist eine Überlegung wert, wie Schule diese Stoffe vermitteln kann. Ein Film wie Christopher Nolans „Odyssee“ zeigt, dass sogar in der populären Hollywood-Kultur Mythologie-Kentnisse Pflicht sind.

Das ist nicht der Punkt, den ich in der Episode anbringe:

Wenn Frau Wolf einerseits bewusst auf Einordnung und Kontext verzichtet, den man mit eigener Mythologie-Kenntnis füllen soll, andererseits aber völlig von der Überlieferung abweichende Hintergrundgeschichten für mythologische Helden erdichtet und diese dann als gegeben setzt, dann kann man in der Mythologie noch so bewandert sein – ihr Werk wird dadurch willkürlich. Die beiden Achill-Szenen illustrieren dieses Problem gut, es zieht sich aber auch in anderen Kapiteln durch.

In der Unterrichtspraxis hätte das zur Folge, dass gerade Schüler*innen mit guten Mythologiekenntnissen regelmäßig auf Granit beißen: Ach, du kennst den Kontext von Figur XY bereits? Tja, Pech – Frau Wolf hat an der Stelle improvisiert. Keine Punkte für dich…

Über die Unverschämtheit des „Armutszeugnis“ sehe ich mal hinweg. Dass uns die massiven Ungereimtheiten mit der Überlieferungstradition beim Lesen auffallen und dass wir dann in aktueller Forschungsliteratur nachschlagen, um Wolfs Widersprüche aufzulösen, zeigt ja bereits, wie haltlos sie ist 🤷🏻‍♂️

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