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#89: Fjodor Dostojewski – Schuld und Sühne⚖️

Rodion Romanowitsch Raskolnikow ist der unfähigste Mörder von ganz St. Petersburg: Am hellichten Tag erschlägt er eine greise Pfandleiherin mit einem Hackebeil, aufgrund mieser Planung noch zusätzlich deren Schwester, nur um dann die Beute nicht zu finden, am Tatort einigen Handwerkern über den Weg zu laufen und erst Tage später die ganzen Blutflecken auf seiner Hose zu bemerken.

Während die Polizei und ein ekelhafter Untergrund-Gangster ihm (natürlich!) längst auf den Versen sind, begegnet Raskolnikow dem gesellschaftlichen Großstadt-Abschaum im Russland des 19. Jahrhunderts und erhält so täglich neue Perspektiven auf sein eigenes Verbrechen. Denn bisher fühlt er sich mit seinem Mord völlig im Recht: Was ist schon eine verbitterte Oma im Vergleich zu einem Genie (und versoffenen, verarmten Studienabbrecher…) wie ihm wert…? Lernt er seine Lektion noch (siehe Titel)?

Dostojewskis Mammut-Roman ist zu Recht ein Klassiker der Weltliteratur und wir hatten große Freude, uns durch 800 Seiten voller Abgründe zu wühlen. Ist das auch etwas für den Lehrplan…?

2 Antworten auf „#89: Fjodor Dostojewski – Schuld und Sühne⚖️“

Zeugnis für Folge #89 Fjodor M. Dostojewskij – Schuld und Sühne

Gratulation! Das war mal Weltliteratur aus dem obersten Regal und ihr habt der Zuhörerschaft ganz nebenbei verdeutlicht, dass das höchste Niveau der klassischen russischen Literatur durchaus einfach lesbar ist, wenn man einzig die Krux mit den russischen Namen verstanden hat. Zum Glück ist das gar nicht so kompliziert, wenn man es einmal geschnallt hat.

Unser vierköpfiges LehrerInnen-Ensemble stellte sich der Herausforderung, das schier Unmögliche zu schaffen und einen Weltroman von 800 Seiten innerster Abgründe gewohnt heiter in das altbekannte Laberfach-Format zu pressen. Das kann nur gelingen, wenn man entweder die Podcast-Folge zeitlich exorbitant ausbaut oder man alternativ innere Tode stirbt und radikal kürzt.

Obwohl sich das Team für die zweite Variante entschied, konnte die gesamte Handlung komplett und verständlich dargeboten werden. Besonderes Lob dafür, dass Stefan Walterowitsch vorab die Besonderheiten der russischen Namen und deren Verwendung erklärt hat. Wie oben bereits erwähnt: Ohne solch ein Vorwissen wirft die hiesige mitteleuropäische Leseratte russische Literatur früh an die Wand, aber mit diesem Wissen leidet sie stattdessen genussvoll an den menschlichen Abgründen, die uns u.a. bei Schuld und Sühne vom Autor bereitet werden.

Sehr erheiternd, dass Stefan Hans-Joachimowitsch zweimal explizit betonte, es habe den Wunsch nach diesem Buch aus der Hörerschaft gegeben. Dass es sogar mindestens zwei HörerInnen waren. Unter Umständen war ich beide Personen, da ich russische Literatur einmal über die Homepage und einmal via bluesky einforderte, weshalb es nicht utopisch ist, dass es wie zwei unterschiedliche Menschen gewirkt haben könnte. 😀

Zwei persönliche Punkte, die die Folge für mich diesmal außerordentlich sympathisch machten:

1. Ich bin bei unserem LehrerInnen-Quartett bislang davon ausgegangen, dass jeder und jede ein Bücherregal bzw. eine Bildungstapete von hier bis Bagdad habe. Dennoch durfte ich mit Entzücken feststellen, dass sich das anwesende Kollegium authentisch wie kleine Kinder gefreut hat, mal so ein fettes Werk von der Bucketlist gestrichen und dazu noch in diesem Podcast untergebracht zu haben. Da ging mir das Herz auf. Sind wohl doch alles nur Menschen, was? 😉

2. Wenn ihr russische Wörter aussprecht, habt ihr absolut keinen Swag. 🙂 Dass ihr euch dabei einen abbrecht, macht es herrlich unperfekt. Auch hierbei ereilte mich dasselbe wohlige Gefühl, was Eltern kennen, wenn beispielsweise die eigenen Kinder ein Schultheaterstück aufführen. 😉

Einzelkritik:

Hanna: Wie verrückt muss man sein und sich gleich drei(!) Biografien zu ein und derselben Person reinzuziehen? Wie geht das? Linkes Ohr Hörbuch 1, rechtes Ohr Hörbuch 2 und in der Hand das dritte? Wahnsinn. Ich hab nur die von Guski gelesen und war danach überzeugt, ich wisse nun alles über Fjodor Michailowitsch und mehr gibt es auch nicht mehr. Bums, fertig. Schade, dass gekürzt werden musste, denn ich glaube, es ist nicht ganz so wie gewünscht rübergekommen, wie pleite der gute Fjodor immer war, dass er sich überall Geld geliehen hatte und Vorschüsse hat geben lassen bzw. was genau alles für ihn auf dem Spiel stand, dass er dann in unter 4 Wochen den Spieler zu Papier bringen musste. Er hat vollkommen über seinen Verhältnissen gelebt. So wie es ein guter Schriftsteller seiner Meinung nach eben tun sollte. Das Einkommen müsse sich halt an den Lebensstil anpassen und nicht umgekehrt. Dennoch gibt es ne 1 hoch Sternchen und man braucht sich nie zu entschuldigen, wenn man Leuten Schuld und Sühne näher bringen will. 🙂

Mein Buchtipp für Hanna -> Dostojewskis “Idiot” (hier verarbeitet er u.a. seine Scheinhinrichtung und beschreibt viel zu realistisch die Gedanken, die man halt so hat, wenn man zum Schafott geführt wird.

Julia: Schade, dass es sie nicht so gepackt hat. Ich kenne das Gefühl genau, wenn man sich durch ein Buch durchbeißt, weil man es einfach als gelesen zurück ins Regal schieben will, wo es sich selbst, der Familie und Besuchern als eine Art Trophäe dienen kann. Kämpfe mich selbst schon fast zu lange durch Kafkas Schloß und das ist ja nur halb so lang wie Schuld und Sühne (und bedauerlicherweise vollends ohne Handlung ;)). Daher auch an Julia: Hut ab! Nicht verzagen und einfach andere Autoren wagen. Meine individuellen Tipps, um mit klassischer russischer Literatur ins Reine zu kommen: Die Theaterstücke “Verstand schafft Leiden” von Gribojedow und “Der Revisor” von Gogol. Beides sind kurzweilige Komödien und stehen in russischen Schulen auf dem Lehrplan. Auch die Fandorin Reihen (Wo habe ich den Namen “Fandorin” eigentlich schon mal gehört?), beginnend mit “Fandorin” sind witzige Pageturner. Diese Detektivgeschichten stehen nicht auf russischen Lehrplänen, weil der Autor Boris Akunin sich zu regimekritisch zeigt.

Stefan Walterowitsch: Was soll man hier groß sagen? Er ist in diesem Format eh mein Lieblingslehrer und ich hab ja sowieso viel von ihm erwartet, aber in dieser Folge lebte er ja nochmal deutlich mehr auf. Alles richtig verstanden und gewohnt pointiert rübergebracht. Kann es sein, dass er mal Punker war? Dem Hobby-Profiler in mir ist in vergangenen Folgen schon aufgefallen, dass er nicht selten die mächtigen Kassierer zitiert (2x “Du kannst froh sein, wenn ich dich am leben lasse” und 1x Hinweis auf das Liedchen “Wirtshausschlägerei”) und auch in dieser Podcast Episode den zu erwartenden Deutschlehrer-Duktus vernachlässigt, um dann bevorzugt den Terminus “Bullen” für unsere unbestechlichen Freunde und Helfer zu verwenden. Ich fühle mich da sehr abgeholt. Für mich hätte Porfirij “Columbo” Petrowitsch mehr verherrlicht werden können, auch wenn er Bulle ist 🙂

Buchtipps für ihn, da er schräge Protagonisten zu mögen scheint: Gogols “Die toten Seelen” – es ist nicht zu fassen, wie witzig dieser Gogol war. Und natürlich die 12 Stühle von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Das spielt in der frühen Sowjetunion und ist nur verrückt. 🙂

Stefan Hans-Joachimowitsch: YES! Der ist angefixt. Wahnsinn, dass so ein belesener Mensch erst jetzt seinen ersten Dostojewskij durch hat und noch nie Tolstoi, Gogol, Tschechov, Puschkin, Solschenizyn, Bulgakov, Lermontov, Turgenev usw. gelesen hat. Auch bei mir war Schuld und Sühne der erste russische Klassiker und mal ehrlich: Wenn man diesen Roman mit der Blechtrommel oder Homo Faber vergleicht, dann kann man doch durchaus von der besten Literatur der Welt sprechen, denn die stinken doch total ab, oder?

Ich bin überaus dankbar, dass mein per Fanpost geäußerter Buchwunsch für immer und ewig auf den hiesigen Streamingkanälen zu hören sein wird.

Besonders süffisant fand ich am Ende die Feststellung á la: “Lirum Larum – Ob Schuld und Sühne oder Krieg und Frieden ist doch eh gleich lang.” Mein lieber Herr Q…… Mitnichten! Krieg und Frieden ist mindestens doppelt so lang und obgleich Dostojewskij der beste russische Autor ist, bleibt Krieg und Frieden das beste Buch was je geschrieben wurde.

Meine Buchmpfehlung für den angehenden Nerd der russischen Klassiker: Krieg und Frieden (ein treuer Begleiter für mehr(!) als nur einen Monat – hinterher bitte nochmal ohne zu lachen wiederholen, dass es ja genauso lang ist wie Schuld und Sühne…) und wenn man Figurengeflechte und Verästelungen mag, könnten die Brüder Karamasow (auch von Dosto) was sein. Hier behauptet ein gewisser Marcel Reich-Ranicki, dass es das beste Buch aller Zeiten sei. Ich finde, wer auch mal ein paar hundert trockene Seiten mit religiösem Hintergrund übersteht, wird mit einem Finale belohnt, bei dem einem die Kinnlade runterfällt. 🙂Und wer drauf abfährt, beim Lesen Beklemmungen zu bekommen, weil es immer noch tiefer runter geht, darf gerne einmal Gogols “Mantel” lesen. Das ist kurz und sozusagen der Bluescreen für all die bitteren russischen Geschichtchen, bei denen der Hauptprotagonist kein Prinz oder starker Held, sondern ein bemitleidenswerter armer Schlucker ist.

Zur Hauptfrage: Gehört Schuld und Sühne nicht auf den Lehrplan, weil es so umfangreich ist? Ihr seid am nächsten an der Schulrealität dran und wisst es am besten. Als ich meiner Frau davon erzählte, berichtete sie aus ihrer Schulzeit in Russland und hörte sich ein wenig so an wie ein Boomer. Ab der zweiten Klasse gab es jährlich Tolstoi zu lesen (in der Grundschule heißt das Fach noch “Lesen” und ab der 5. Klasse heißt es “Literatur”). Ab der 5. Klasse ist auch Tschechov ein jährlicher Begleiter der SchülerInnen. In der 8. Klasse kommen Puschkin und Gogol hinzu. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wird in der 9. Klasse durchgenommen. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der auch unser “Brecher” Schuld und Sühne erschienen war, wird überaus intensiv in Klasse 10 behandelt. Die Methode, die die Lehrerschaft anwendet, damit die Kinder es auch lesen, würde man hierzulande als etwas überholt und altbacken bezeichnen. Die Schülerinnen und Schüler bekommen vor den dreimonatigen Sommerferien eine Liste mit Büchern, die sie vor Schulbeginn am 1. September besser gelesen haben sollten. Ich zähle mal eine Auswahl auf, die es im Sommer vor Klasse 10 zu lesen gilt: Tolstoi – Krieg und Frieden + Dostojewski – Schuld und Sühne + Gontscharow – Oblomow + Tschechow (Hier hab ich vergessen, welches, aber seine Werke sind eh alle kurz) + Turgenjew – Väter und Söhne und es sollen noch mehr gewesen sein…

Unterm Strich haben die Jungs ihre Bücher nicht für Kinder geschrieben, so dass die Begeisterung der Jugendlichen in der Schule wohl schwer zu entfachen sein dürfte.

Nevertheless: Danke für diese Folge! Ich habe sie bereits drei mal gehört. 🙂

Es grüßt

Frédéric ‚Thilowitsch‘ Broszat

Liebes Laberfach-Team,

ich habe mich ja so gefreut, dass ihr dieses Buch hier besprochen habt! (War einer meiner ersten Klassiker.) Über Ostern war ich krank und habe das ausgenutzt, um das Hörbuch nochmal wegzusuchten. Am Anfang, als es mir ganz übel ging, bin ich dabei ständig weggenickt und wenn ich aus Fieberträumen aufwachte, hatte Raskolnikov auch gerade irgendeinen Trip. Das war и смешно и страшно.

Meine Lieblingsperson war Katerina Ivanovna: Ich hatte ja so Mitleid mit ihr und musste gleichzeitig so lachen darüber, wie sie sich bei dem Leichenschmaus aufführte. Der Dostojewski hat sie echt schön geschrieben, sodass ihre Lächerlichkeit angesichts der ganzen Verzweiflung gleichzeitig rührend ist.

Viele Grüße!

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