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Unterrichtsreihe zu E.T.A. Hoffmanns »Der Sandmann« 👁️

Zum Beispiel in NRW ist aktuell die Epoche der Romantik ein Schwerpunktthema im Abitur. Um nicht nur sehnsuchtsvolle Eichendorff- und Novalis-Gedichte am Fließband zu lesen, bietet sich dafür ein Erzähltext ganz besonders an: E.T.A. Hoffmanns Novelle »Der Sandmann«, die auch die düsteren, psychologischen Untiefen der schwarzen Romantik erforscht. Das Werk hat nur 40 Seiten, gibt aber unheimlich viel her, weshalb wir es in Podcast-Folge 21 uneingeschränkt empfohlen haben.

Die folgenden Materialien stammen aus fünf (!) Q1-Durchgängen »Der Sandmann« – es ist also viel zu viel Stoff für eine einzige Unterrichtsreihe. Ihr könnt auswählen, was zu eurem Kurs passt und selbstverständlich sind alle Materialien vollständig anpassbar:

Die erste Datei kennt ihr ggf. schon: Die Tipps zum literarischen Lesen in der Oberstufe gebe ich Kursen immer spätestens zur ersten Lektüre an die Hand. Auch der Reihen-Überblick, den ich zu Beginn jeder Lektüre-Sequenz gemeinsam fülle (Zieltransparenz und so), habe ich schon einmal geteilt.

Es gibt verschiedene nette Varianten, in die »Sandmann«-Reihe einzusteigen: Wenn die Schüler*innen die Novelle noch nicht gelesen haben, kann man die drei Briefe, mit denen sie beginnt, einfach ausdrucken, in Briefumschläge stecken, sie beschriften (»An Lothar«) und die Reihe als kleinen Kriminalfall beginnen. Daran hatte mein aktueller LK viel Spaß (und man geht sicher, dass die S*uS den Text auch gründlich lesen). Wenn der Kurs die Novelle bereits gelesen hat – etwa in den Ferien, es sind ja nur 40 Seiten – ist das »Sandmann«-Lied von Saltatio Mortis ein schöner Einstieg: Es adaptiert die Handlung von Hoffmanns Novelle, fügt aber auch neue Fantasy-Motive hinzu. Das auseinanderzunehmen gibt euch ein Gefühl für das Textverständnis der S*uS (oder wer es überhaupt gelesen hat…) und der Song ist einfach ein schöner erster Gesprächsanlass.

Je nach investierter Zeit und Stärke des Kurses kann sich direkt nach den Briefen eine Zwischensicherung anbieten – in den Materialien finden sich ein analytischer Zugang (»Clara als Stimme der Vernunft?«) oder mehrere Vorschläge für eine kreative Reflexion (»Abschiedsbriefe«).

Nach dem Einstieg über die Briefe sollte zunächst das grobe Handlungsgerüst der Novelle erarbeitet werden. Da »Der Sandmann« in sehr klar unterscheidbare Phasen gegliedert ist (drei Briefe, Zwischenspiel der Erzähler-Figur, Übergang zur Erzählung aus Nathanaels Sicht, die Coppola-Szene…), kann man die Einteilung in Sinnabschnitte komplett in Schüler*innen-Hand geben. Materialien dazu finden sich oben. Ergänzend kann (muss aber nicht) die Figurenkonstellation der ersten Hälfte visualisiert werden (siehe oben).

Danach lohnt sich absolut etwas Close Reading: Die Reflexion der Erzähler-Figur, die sich direkt an die Briefe anschließt, eignet sich hervorragend, um unzuverlässiges Erzählen (also: den Dreh- und Angelpunkt dieser Novelle!) einzuführen. Dazu lasse ich Schüler*innen immer textgestützt den Erzähler charakterisieren (materialfrei). Die zahllosen Widersprüche arbeiten S*uS dann sehr schnell heraus. Wenn die Zeit bis zur Klausur ganz arg drängt, können die S*uS auch unsere Analyse der Szene im Podcast mitschreiben (ab Minute 27).

Auch die Begegnung mit dem Wetterglas-Händler Coppola eignet sich hervorragend, um damit analytisch zu arbeiten, da sie kurz ist, aber die gesamte zerfasernde Psyche Nathanaels erzählerisch umfasst. Bei den Materialien finden sich zwei Vorschläge, um mit dem Abschnitt zu arbeiten: Entweder können sich die S*uS den Ausschnitt anhand von Leitfragen erschließen (»Das Leitmotiv der Augen«) oder ihr übt direkt eine erste komplette Erzähltext-Interpretation. Eine Probeklausur mit authentischer Aufgabenstellung findet sich oben, ebenso ein sehr ausführlicher Erwartungshorizont, mit dem die S*uS eine Schreibkonferenz durchführen können – also: indem jede*r die Interpretation als kompletten Aufsatz ausformuliert (Vorsicht: zeitaufwändig!) und an einem Stichtag seinen Text mit einem Partner tauscht, um sich gegenseitig Feedback zu geben und dabei ein erstes Gefühl für das angestrebte Klausurformat und das Erwartungsniveau in der Klausur zu entwickeln.

Zur Einführung der Fachbegriffe der Epik-Analyse findet sich oben ein weiteres bewährtes Material: Ein Struktur-Puzzle mit allen relevanten Fachbegriffen, das die S*uS (digital oder analog auf A3) ausschneiden und in eine für sie sinnhafte Struktur bringen und mit Pfeilen und Symbolen verbinden sollen. Struktur-Puzzle haben nie die eine richtige Lösung, helfen den S*uS aber, komplexe Inhalte für sich zu ordnen (Konstruktivismus und so) und so darüber ins Gespräch zu kommen. Gerade bei der Epik-Interpretation, die unendlich viele Fachbegriffe voraussetzt (die auch noch alle gleich klingen…), lohnt sich die Zeit, die Vokabeln ordentlich einzuführen. Drängt jedoch auch hier der Klausurplan, findet sich eine fertige Übersicht aller Erzähltext-Fachbegriffe bis zum Abi ebenfalls bei den Materialien oben.

Sollte sich hier schon herausstellen, dass euer Kurs viel Übung für das Ausformulieren von Interpretationen benötigt, bietet sich die Methode »Eine Seite über eine Seite« (siehe Material oben) reihenbegleitend immer mal wieder an. Die S*uS wählen eine (!) Seite der Novelle aus (oder ihr gebt eine vor) und sie schreiben genau eine (!) Seite Interpretation dazu (ohne ewig lange Einleitung – direkt zur Deutung einzelner Textstellen!) und versuchen dabei möglichst viele der neuen Analyse-Fachbegriffe sinnvoll auf den Text anzuwenden. Eine überschaubare Fingerübung, die auch die S*uS bewältigen können, für die ein ganzer Aufsatz noch die pure Überforderung ist.

Nun aber zum Haupt-Act: Die (mutmaßliche?) Androidin Olimpia! 🤖 Wenn euer Kurs gern frei (nicht immer nur analytisch) schreibt, bietet sich zunächst eine meiner Lieblingsmethoden an: »Twitter3« (gesprochen: »Twitter kubik«). In Anlehnung an die guten alten Zeiten auf dem (inzwischen unerträglichen) Kurznachrichtendienst, sollen die S*uS ihre ersten Gedanken zum Olimpia-Nathanael-Clara-Dreieck in Form freier Essays mit exakt (!) 160 Wörtern ausformulieren. Das gegenseitige Vorlesen der kreativen Texte in Kleingruppen kam bei vielen S*uS gut an.

Das Material »Wundermaschine Olimpia« gibt den S*uS Textstellen aus der Novelle an die Hand, um selbstständig die unzuverlässig erzählte Androidin von beiden Seiten (Nathanaels Wahnsinn? Fantasy?) zu betrachten (die Seiten-Angaben beziehen sich auf die sehr empfehlenswerte Reclam-XL-Ausgabe, unbezahlte Werbung). Die Ergebnisse können im Plenum besprochen werden, oben findet sich aber such eine sehr (!) ausführliche Musterlösung, wenn ihr die Auswertung in Schüler*innen-Hand belassen wollt. (Ihr merkt schon: Die Förderung der Selbstständigkeit ist so mein Ding…).

»Olimpias Ende« kann wiederum als ganze Textstelleninterpretation / Probeklausur aufgegeben werden (der Ausschnitt hat auch die perfekte Länge für eine Klausur…). Oben finden sich aber auch wieder Leitfragen, mit denen die S*uS sich die Textstelle erschließen und über sie ins Gespräch kommen können.

Das Material »Das Leitmotiv des Verfolgungswahns« wurde als konkrete Klausurvorbereitung für einen Q1-Kurs konzipiert: Hier gehen die S*uS einerseits noch einmal gruppenweise die komplette Novelle durch, andererseits werden einfache erzählerische Mittel bereits vorentlastet (Welches Erzählverhalten hat welches Kapitel?), damit auch die schwachen S*uS Ankerpunkte für die Klausur (notfalls: zum Auswendiglernen für die 4) an die Hand bekommen.

Zum Abschluss der Reihe, wenn alle das Werk gut kennen und die Klausur zumeist geschrieben ist, nutze ich gern Aufgaben im Anforderungsbereich III, die größere Zusammenhänge herstellen und/oder Diskussionspotenzial bieten. Oben finden sich zwei Materialien:

In der »Spannungskurve« sollen S*uS bewerten, welche Phase der Novelle wie spannend (also: unvorhersehbar und emotional mitreißend) ist. Das ganze ist natürlich relativ gerechnet: Die spannendste Stelle des Buches erreicht automatisch 100%. Damit können die S*uS die berühmte These von Theodor Storm überprüfen, die Novelle folge dem Aufbau des klassischen Dramas (dessen Theorie man parallel natürlich fantastisch wiederholen kann, etwa als Kurz-Referat). Die Aufgabe erzeugt i.d.R. herrliche Diskussionen im Kurs! (Spoiler: Nathanaels Wahnsinn verläuft in Wellen, nicht als Dreieck…). Ein weiterführendes Material zur Textsorte der Novelle findet sich übrigens in unserer Unterrichtsreihe zu »Mario und der Zauberer«.

Ein weiteres AfB III-Material folgt der These, die Figuren in »Der Sandmann« stehen alle für Literaturepochen. Bei dieser Aufgabe wiederholen die S*uS ihr Epochenwissen bis ins frühe 19. Jahrhundert und leiten Kommentare des (Romantikers) E.T.A. Hoffmann zur Literatur seiner Zeit ab. Die Auflösung findet sich übrigens auch am Ende unserer Podcast-Folge zum Sandmann.

Damit solltet ihr amtlich über genug Material verfügen, um diese großartige Novelle in eurem Unterricht zum Glänzen zu bringen! Sicher eignet sich eine fertige Reihe auch als Argument, um das Werk euren Kolleg*innen zu verkaufen 😉

Zum Schluss: Wie ihr euch sicher denken könnt, war es ungeplant viel Arbeit, die Materialien der diversen Jahre noch einmal zu sichten, zu sammeln, zu aktualisieren und in verschiedene Formate zu bringen, um sie euch gratis zur Verfügung zu stellen. Wenn ihr »Danke!« sagen wollt, hinterlasst unserem Laberfach-Podcast doch fix eine 5-Sterne-Bewertung auf Spotify und/oder Apple Podcast. Darüber (und über liebe Kommentare) freuen wir uns immer sehr 🙂

Juristisches: Die geteilten Materialien sind ein Ausschnitt meiner Unterrichtsreihe. Vieles daraus kann ich nicht teilen (z.B. weil mein Unterrichtsmaterial geistiges Eigentum von Autor*innen oder Verlagen enthält oder zu spezifisch auf Schüler*innen zugeschnitten ist).

Die Materialien dürfen bedenkenlos im Unterricht verwendet und dafür verändert werden. Auch Weiterverbreitung und Reuploads sind mit Verweis auf Laberfach.de gern gestattet. Lediglich die kommerzielle Verwendung des Materials ist vollumfänglich untersagt.

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